UNSER KONZEPT

Einer unserer Initiatioren, Martin Lang, wurde im Mai 2016 von der Zeitschrift „Südzeit“ zur Weltladen-Betreiber eG befragt. Im Interview wird eindrücklich unser Konzept beschrieben:

Wie kam es zur Gründung der Weltladen-Betreiber Genossenschaft und welches sind die Ziele?

Ganz einfach: Das Ziel ist die Gründung neuer Weltläden, da wo es noch keine gibt! Wie wir alle feststellen können, findet das enorme Wachstum des Fairen Handels der vergangenen Jahre weitestgehend außerhalb der Weltläden statt. Es gibt eine nie dagewesene Akzeptanz für fair gehandelte Produkte in der Bevölkerung, aber die VerbraucherInnen finden entweder den Weg in den Weltladen nicht oder es gibt in ihrem Umfeld gar keine Weltläden. Noch nie waren die Voraussetzungen für neue Weltläden vielleicht so günstig wie heute. Wann, wenn nicht jetzt sollten wir die positive Stimmung nicht für Neugründungen nutzen?


Was ist Eure Motivation?

Uns als Initiatoren eint, dass wir fest an das „Modell Weltladen“ glauben, an das vielfältige Potential, das in Weltläden steckt und überregional betrachtet noch lange nicht ausgeschöpft ist. Es wäre doch schade und auch leichtsinnig, wenn wir jetzt, da der Faire Handel endlich erfolgreich ist, das Feld anderen überlassen. Um den Produzenten auch zukünftig verlässliche Partner sein zu können, brauchen wir noch viel mehr Fachgeschäfte des Fairen Handels, die diesen Namen verdienen.

Wir fünf Initiatoren, Peter Eicher, Ursula Artmann, Bede Godwyll, Ingo Schlotter und ich, wir kennen uns z.T. seit über 20 Jahren und wir haben uns zusammengetan um genau diese Aufgabe anzugehen. Mit der Weltladen-Betreiber eG haben wir einen unabhängigen, neutralen Rahmen vorgegeben der hoffentlich von vielen als Chance aufgegriffen wird.

Wir laden alle ein, an dieser wichtigen und spannenden Aufgabe mitzuwirken!


Es gab in der Vergangenheit ähnliche Versuche zur Neugründung von Weltläden, die auch schon gescheitert sind. Was ist anders oder neu an Eurer Initiative?

Ich denke, unsere Initiative zeichnet sich in drei Punkten aus:

Im Unterschied zu anderen Akteuren konzentriert sich die Weltladen-Betreiber eG ausschließlich auf die Gründung neuer Weltläden, was auch eine mögliche Übernahme bestehender Weltläden, die z.B. aus Altersgründen die Verantwortung abgeben möchten, mit einschließt. Importeure, Netzwerke, Verbände und selbst der Weltladen Dachverband haben eine Vielzahl von Aufgaben und Arbeitsfeldern zu bewältigen, die ebenso bedeutend sind.

Der Auf- und Ausbau sowie der Betrieb  neuer Weltläden ist eine sehr komplexe Aufgabe und kann nicht nebenher von statten gehen. Trotz vielfältiger Angebote hat es bislang keiner der etablierten Akteure wirklich geschafft, diese wichtige Aufgabe aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Ich verstehe unser Engagement daher auch als Angebot vorhandene Kräfte über die   unabhängige Betreiber Genossenschaft zu bündeln.

Wie die ersten Monate nach unserem „coming out“ schon gezeigt haben, war es richtig mit der Weltladen-Betreiber eG von vornherein einen festen neutralen Rahmen vorzugeben, der im Grundsatz nicht mehr zur Diskussion steht. Natürlich soll und muss die Genossenschaft als Träger von Weltläden weiter wachsen und sich weiter entwickeln. Mit der vorgegebenen Struktur haben wir zeitraubende Grundsatzdiskussionen und Findungsprozesse möglicher Kooperationspartner abgekürzt. Alle bisherigen Gesprächspartner können gut mit dem Konstrukt der Weltladen Betreiber eG leben und die Unabhängigkeit von bestehenden Akteuren hat einen eigenen Charme.

An dritter Stelle möchte ich den Blick auf die Zusammensetzung der Initiatoren lenken. Hier haben sich zunächst einmal Menschen zusammengetan, die seit Jahrzenten mitten in der praktischen Arbeit in und mit Weltläden stecken und die Fairhandelsbewegung mit all ihren Facetten kennen. Wir bringen zusammen viel Erfahrung mit und kennen aus eigener Anschauung die Chancen wie auch die alltäglichen Herausforderungen und Tücken eines Weltladenbetriebes. Ungeachtet unserer unterschiedlichen Arbeitgeber, die ja immer wieder auch in Konkurrenz zueinander stehen, haben wir es geschafft eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zugunsten der gemeinsamen Aufgabe aufzubauen. Warum sollte das, was im Kleinen reibungslos funktioniert, nicht auch im Großen möglich sein?


Was sind die Vorteile eines übergreifenden Trägers für mehrere Weltläden? Liegt nicht eine Stärke der Weltläden in der Regionalität und Eigenständigkeit?

Ja, Weltläden sind meiner Beobachtung nach immer da stark, wo sie in lokale Netzwerke, Stadtinitiativen, Agendagruppen usw. eingebunden sind.  Regionalität, Schwerpunktsetzung mit vielfältigen Kontakten in der Stadt sind nicht nur hilfreich, sondern einer der Schlüssel zum Erfolg.

In einer überregionalen Trägerschaft sehe ich keinen Widerspruch dazu.

Im Gegenteil: Manche Bereiche einer Ladenneugründung, die immer wieder aufs Neue viel Zeit und Geld kosten, können mit einem gemeinsamen Träger viel effektiver und günstiger abgehakt werden.  Ich denke da an ganz praktische Dinge wie z.B. ein Ladenkonzept mit der entsprechenden Ladeneinrichtung, die Sortimentsgestaltung, das passende Kassensystem, gemeinsame Buchhaltung u.v.m. Diese Dinge müssen nicht bei jeder Neugründung neu erfunden werden und werden im Verbund günstiger. Auch erfolgreiche Verhandlungen mit Vermietern oder bessere Konditionen bei den Lieferanten werden mit einem übergreifenden Träger wahrscheinlicher. Zu guter Letzt, bietet ein Träger ganz andere finanzielle Spielräume und Sicherheiten. Neben diesem Einsparungs- und Effektivitätspotential bieten wir in der schwierigen Startphase unsere ganze Erfahrung an, um als kompetenter „Lotse“ unnötige Fehler zu vermeiden.

Zum Thema Eigenständigkeit: Ich kann beobachten, dass sich die Ausrichtung von Ehrenamt stark verändert hat. Nach wie vor gibt es viele, die sich für eine „Gute Sache“, wie den Betrieb eines Weltladens, einsetzen möchten. Es finden sich jedoch immer weniger Menschen, die in Verbindung mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ein hohes Maß an Verantwortung übernehmen können oder wollen, wie das der Wirtschaftsbetrieb eines Weltladens mit sich bringt. Hier entlastet die Weltladen Betreiber eG und schafft Kapazitäten für anderweitiges Engagement.

Zusammengefasst auf die Frage würde ich daher sagen: “Regionalität unbedingt – Eigenständigkeit in einem von der Weltladen-Betreiber eG vorgegebenen Rahmen“.


Im Fairen Handel gibt es eine große Vielfalt an Akteuren, die Beratungsleistungen und Unterstützung für Weltläden anbieten. Braucht es da noch eine weitere Institution? Werden durch die neu entstandene Konkurrenz die knappen Ressourcen nicht noch weiter geschwächt?

Wie oben angedeutet geht es absolut nicht darum, das Rad neu zu erfinden! Ich verstehe unser Angebot – ich benutze dieses Wort ganz bewusst – also unser Angebot an die Bewegung  nicht als Konkurrenz zu irgendeinem anderen Akteur, sondern den Versuch Kräfte und Ressourcen zu bündeln. Wenn die GEPA es z.B. unabhängig davon schafft, selbst Neugründungen von Weltläden zu initiieren oder das Fairhandelshaus Bayern demnächst einen weiteren Weltladen übernimmt, der aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommt, dann ist das fantastisch. Das kommt den Importeuren, den Produzenten, uns allen zu Gute!

Daneben gibt es aber immer noch unglaublich viele weiße Flecken in der Fairhandelslandschaft in Deutschland, von denen wir hoffentlich einige bald schließen werden. Um dies zu ermöglichen sind wir bereits auf wichtige Akteure wie die Fairhandelsberatung, den Weltladen Dachverband und die ersten Importeure zugegangen um eine konstruktive Zusammenarbeit in die Wege zu leiten.

Unabhängig der Trägerschaft neuer Weltläden durch die Weltladen-Betreiber eG werden wir, wo möglich, bestehende und bewährte Angebote der Fairhandelsberatung und anderer sehr gerne nutzen. Wir bringen uns auch weiterhin ein, z.B. in einer  Arbeitsgruppe des WL-Dachverbandes, die das WL-Konzept 2006 auf den Prüfstand stellt und zeitgemäß anpassen will. Es ist von unserer Seite vorgesehen, die neuen Weltläden als Mitglieder im WL-Dachverband zu führen. Zusammengefasst also absolut kein eigenes neues Süppchen, sondern, ich betone das gerne immer wieder, es geht um die Stärkung des „Modell Weltladens“ mit all seinen Facetten.

 

Um neue Weltläden aufbauen zu können, ist viel Eigenkapital notwendig.
Woher soll das Geld kommen?

Sicher einer der zentralen Fragen! Ziel ist es in der Anfangsphase möglichst viel Eigenkapital aus der Fairhandelsbewegung selbst heraus zu generieren. Ich denke, hier gibt es im Umfeld von Weltläden und trotz allzeit knapper Mittel Möglichkeiten. Warum sollte z.B. ein Weltladen nicht einmal einen Teil seines Jahresüberschusses gezielt in den Aufbau neuer Läden investieren? Die Erfahrungen nach den ersten fünf Monaten zeigen, dass dies möglich ist.

Neben der Zeichnung von Genossenschaftsanteilen, gibt es für Akteure wie Importeure z.B. über Konditionen, Warenausstattung usw. zusätzliche Möglichkeiten eine Neugründung zu unterstützen. Zu guter Letzt werden spätestens bei weiteren Neugründungen auch entsprechende Banken ins Spiel kommen. Wir gehen auch davon aus, dass mit jeder Neueröffnung, die Einsparpotentiale, die die Weltladen-Betreiber eG als Träger mit sich bringt, stärker ins Gewicht fallen werden.


Du vertrittst, wie andere Initiatoren der Weltladen-Betreiber eG, als hauptamtlicher Mitarbeiter seit vielen Jahren einen der bekannten Importeure des Fairen Handels. Handelst Du im Auftrag von dwp und wie ist generell der Einfluss von GEPA, dwp und Co auf die WL-Betreiber eG?

Mein Einsatz für die Weltladen Betreiber eG ist tatsächlich ausschließlich ehrenamtlicher, privater Natur und Teil meiner „Freizeitgestaltung“! Das soll auch so bleiben. Auch wenn die Stärkung der Weltladenbewegung seit jeher ein Anliegen von dwp ist, möchte ich unterstreichen, dass ich nicht im Auftrag von dwp handle. Gemäß der Satzung der Weltladen- Betreiber eG ist eine Mitgliedschaft für juristische Personen – z.B. Importeure –  ausgeschlossen. Niemand soll sich hier „einkaufen“ können. Ausnahme von dieser Regel sind Weltläden und Organisationen der Weltläden, die unabhängig von der Trägerschaft Mitglied werden können.

Ergänzend zu meiner Person möchte ich anfügen: Wer mich in den letzten 16 Jahre – solange arbeite ich für dwp – kennen lernen konnte, weiß vermutlich, dass ich ungeachtet meines Engagements für dwp (mit den vielen dwp-Grundsätzen, die mir selbst zur Herzensangelegenheit geworden sind), ich immer versucht habe, mir ein hohes Maß an Unabhängigkeit zu bewahren. Dass dies möglich ist, dafür bin ich dwp als Arbeitgeber sehr dankbar.


Wann wird es denn ersten Weltladen der WL-Betreiber Genossenschaft geben und wo wird er eröffnet werden?

Die ersten Anfragen und Optionen liegen bereits auf dem Tisch und der Bedarf ist offensichtlich! Wo der erste Laden öffnet, kann ich nicht sagen. Generell möchten wir uns zunächst auf Städte mit 40.000 plus X Einwohnern konzentrieren.

Wann es tatsächlich soweit ist, hängt vor allem davon ab, wie schnell genügend Eigenkapital in Form von gezeichneten Genossenschaftsanteilen zur Verfügung steht. Die Entwicklungen der vergangenen Wochen stimmen optimistisch, dass dies vielleicht in Jahresfrist gelingen könnte. Ich möchte alle Leserinnen und Leser und auch die Weltladen Teams einladen, sich an dieser spannenden Zukunftsaufgabe zu beteiligen.